Sogar dem Pfarrer Konrad Reichard getrotzt

Jochen Karl Mehldau

hat die Feudinger Kirchenbücher von 1525 bis 1875 bearbeitet und der Gemeinde mehr als 7000 Karteikarten überreicht


"Für die Ahnenforschung

ist der Pfarrer Konrad Reichard eine Katastrophe" – so die deutlichen Worte von Jochen Karl Mehldau. Und der Mann aus Karlsruhe kann sie solch ein Urteil erlauben. Nachdem er bereits für Arfeld, Berleburg, Birkelbach, Elsoff, Erndtebrück, Girkhausen, Raumland, Weidenhausen und Wingeshausen Karteien und Register aus den alten Kirchenbüchern herausdestilliert hat, übergab er am Donnerstag nach jahrelanger Arbeit mit den Feudinger Kirchenbüchern der Kirchengemeinde des Oberen Lahntals 7000 Karteikarten – für jede Familie eine – und ein alphabetisches Namensregister mit vielen für Heimatforscher wichtigen Hinweisen auf 1800 Seiten.


Pfarrer Reichard

wird das harsche Urteil nicht mehr aufregen, der versah seinen Dienst in Feudingen von 1707 bis 1720. Zunächst als zweiter, in Banfe wohnender Pfarrer des Feudinger Kirchspiels, dann als erster Pfarrer des Sprengels. »Der hat da irgendwas hingeschrieben«, fasst Jochen Karl Mehldau den Umgang des Pfarrers mit den Kirchbüchern zusammen. Der Heimatforscher, der einen Teil seiner Jugend in Erndtebrück verbrachte und 1953 in Laasphe das Abitur ablegte, konnte mit seinen Recherchen nachweisen, dass Pfarrer Reichard mindestens 120 Taufen überhaupt nicht eingetragen hat. Auch mit den Todesfällen ging er großzügig um: »Die Feudinger Sterblichkeitsrate war zu seiner Zeit nur halb so hoch wie vorher und nachher.« Und das obwohl er zum Beispiel den Tod von Christian Wick gleich zweimal notierte: Am 23. März 1708 und am 18. Februar 1712 erschoss sich angeblich jemand mit diesem Namen bei einem Jagdunfall mit der Flinte.


Dennoch blieb Pfarrer Reichard

nur ein ärgerlicher Ausreißer nach unten. In einer langen Geschichte, denn Mehldau bearbeitete die Feudinger Kirchenbücher von 1525 bis 1875. Die Oberlahntaler haben die ältesten in Westfalen. Schwierigkeiten gab es auch ohne Reichard genug. Familiennamen wurden in Wittgenstein erst 1620 üblich, was die Arbeit der frühen Jahre deutliche erschwerte. Genauso wie die Tatsache, dass die Feudinger zu Beginn noch Katholiken waren, alle Eintragungen waren auf Lateinisch und nach dem kath. Kalender geordnet. »Mit jedem Pfarrer hat nicht nur die Schrift gewechselt, sondern auch die Schreibweise von Namen.« Allein für Weyand habe er sechs gefunden. Wegen seiner Bearbeitung mit dem Computer habe er sich jedoch auf eine verbindliche Schreibweise konzentrieren müssen – und so heißen nun alle Weyands oder Weiands im System »Mehldau« Weyandt. Auch Auswärtige stellten Jochen Karl Mehldau oft vor Probleme, etwa »die Gote aus Hermandrich« im Siegerland. Erst siegerländisch mit rollenden »r« ausgesprochen kommt man drauf, dass wahrscheinlich Irmgarteichen gemeint ist. Nicht umsonst verglich der frühere Karlsruher Stadtdirektor seine Arbeit mit der Detektivarbeit eines Kriminalisten.


Lediglich in einem Dutzend Fälle

sei er nicht weitergekommen und habe sich professionelle Hilfe für die Problemlösung suchen müssen, merkte der 72-Jährige stolz an. Insgesamt sind es 19214 Geburten, 4197 Hochzeiten und 13543 Beerdigungen, die Jochen Karl Mehldhau für Kartei und Register verarbeitete und zusammenführte, zu jeder Person gehört Ruf- und Familienname sowie das Geburtsjahr. Bei mehreren Leuten mit gleichen Daten wird mit einem kleinen Buchstaben hinterm Namen unterschieden, das könne bis »f« gehen. Diese Doppler sind ebenfalls ständiger Garant für Verwirrung, zwischen 1787 und 1839 gab es ein halbes Dutzend Johannes Müller, von denen drei gleichzeitig auch noch mit je einer Elisabeth verheiratet waren. Jochen Karl Mehldau sah als Ergebnis seiner 3800 Arbeisstunden allein für dieses Projekt vor allem drei Vorteile für die Gemeinde: die Zuverlässigkeit der Auskünfte steige, der Zeitaufwand für die Suche danach sinke, die Kirchenbücher würden geschont. Seine Aufarbeitung brachte darüber hinaus neue Erkenntnisse für die Heimatgeschichte: Im Kirchspiel hat es um 1700 neben Jost Henrich Klingspor einen zweiten Pfarrer gegeben, der Doktor der Theologie Gottfried Brickel lebte in Banfe.


In seine Arbeit bezog der Heimatforscher

auch die Dorfbücher Feudingen und »Auf den Höfen« ein, wobei er anmerkte, dass es nun für Großenbach viele neue und richtige Erkenntnisse gebe. Außerdem dankte der Karlsruher: Gustav Schneider, Eberhard Bauer, Anneliese Imhof und der Feudinger Gemeindesekretärin Leni Reinschmidt. Mit Feudingen hat Jochen Karl Mehldau die zehnte der zwölf alten Wittgensteiner Gemeinden bearbeitet, jetzt fehlen nur noch Fischelbach und Laasphe. Darauf freut sich Jochen Karl Mehldau. Nur schade, dass Pfarrer Reichard nach seiner Zeit in Feudingen als Kircheninspektor Karriere machte und danach in den Laaspher Kirchbüchern fabulieren dürfte.


Quelle

Siegener Zeitung, Ausgabe vom 02.10.2006
Siegener Zeitung

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