Der erste Sheriff kam aus Erndtebrück

Ausgewandert: Der erste Sheriff kam aus Erndtebrück

"Ich spreche kein Deutsch,

aber ich bin ein Deutscher." Diese kurze Einleitung vermittelte schon ein Stück Selbstverständnis des amerikanischen Journalisten, der sich im Erndtebrücker Rathaus über eine herzliche Begrüßung freute. Henry Wolff, der mit seiner Frau Linda zurzeit Wittgenstein besucht, ist sich seiner Wurzeln bewusst. Er hat ja auch intensiv danach gesucht.


In Zinse

hätten seine Vorfahren gewohnt, berichtet Wolff, für den natürlich eine Übernachtung in der dortigen Pension Afflerbach zum Pflichtprogramm gehört. Immerhin seien die Schankrechte sogar früher in der eigenen Familie gewesen. Das Haus fiel vor knapp 100 Jahren einem Brand zum Opfer.
Über seine Frau Linda, die ihn mit ins Archiv der Mormonenkirche mitgenommen habe, sei das Interesse an der Ahnenforschung erwacht, die natürlich zunächst mit der eigenen Familie begann und über den Urgroßvater Christian Wolf, der sich noch mit einem F schrieb, und seine Frau Marie-Elisabeth, eine gebürtige Weyand, nach Wittgenstein führte.


In einer Kolumne in der Zeitung

"Victoria Advocat" berichtete der texanische Spross des Wittgensteiner Wolf-Clans über seine Forschungen. "Ich wusste nicht, was ich damit losgetreten hatte", wundert er sich jetzt noch über das riesige Interesse an seiner Arbeit, die in immer verzweigtere Richtungen ging.
Mit seinen Vorfahren, die 1851 von Zinse nach Shelby in Texas auswanderten, verließen zwischen 250 bis 300 Wittgensteiner ihre Heimat, hat Wolff mittlerweile herausgefunden. Seine Urgroßeltern gingen nach Shelby und ließen sich auf der "Rolling Hill Farm" nieder, deren Umfeld mit Bäumen und Hügeln, so meint der Urenkel, sie wahrscheinlich ein wenig an Zinse erinnert habe.


Im Wesentlichen hätten sich die Wittgensteiner

Emigranten in drei Gebieten in Texas niedergelassen. Eine der größten Gruppen, die 1846 mit der "York" Richtung Amerika fuhr und in Fredericsburg sesshaft wurde, hatte gleich noch den eigenen Pfarrer mitgebracht, Heinrich Basse, der vorher 14 Jahre in Erndtebrück seine Gemeinde geleitet hatte und vermutlich viele Mitglieder mit in die USA nahm. "Er war der erste protestantische Pastor dort", kann Wolff über interessante Details berichten. Ein Erndtebrücker, nämlich Ludwig Martin, wurde auch der erste Sheriff eines texanischen Landkreises.


"Die meisten Siedler

waren Farmer oder züchteten Rinder", berichtet Wolff über den Broterwerb der Wittgensteiner in der neuen Heimat, die auch heute noch sehr ländlich geprägt ist. Tausende von Nachkommen der Wittgensteiner Auswanderer finden sich heute in Texas und die Liste, die Henry Wolff mitgebracht hat, zeigt das unmissverständlich. Afflerbach, Althaus, Bald, Bernshausen, Birkelbach, Dornhoefer, Goebel, Hassler, Homrighausen, Knebel, Marburger, Muesse, Riedesel, Sassmanshausen, Treude, Voelkel und etliche andere "ur-wittgensteiner" Namen sind heute in Texas zu finden. "Wenn man die Straßen entlanggeht, fühlt man sich fast wie in Wittgenstein", scherzte Wolff, der im Erndtebrücker Rathaus von Vertretern des Heimatvereins und der Gemeinde herzlich empfangen wurde.


Bürgermeister Heinz-Josef Linten

freute sich denn auch über das große Engagement Wolffs, der nicht nur Amerikanern ihre Wurzeln, sondern auch Wittgensteinern ihre texanischen Verwandten näherbringen möchte. Ein paar davon will er auf jeden Fall 2006 mitbringen, wenn Erndtebrück das 750-jährige Jubiläum feiert. Dann wolle auch der Bürgermeister dabei sein und gleich eine Brassband mitbringen. Bis dahin will Wolff noch ein wenig weiterforschen.


"Das Interesse an Wittgenstein ist in Texas

sehr groß. Ich würde mich aber auch freuen, wenn mich Wittgensteiner kontaktieren." Wer daran Interesse hat, kann sich über das Tourismusbüro der Gemeinde bei Helga Trettin kundig machen.
Heinz-Josef Linten hat das nicht mehr nötig. In seinem Büro hängt schon seit einigen Monaten eine Kappe aus Shelby. Die präsentierte er stolz, als Henry Wolff wissen wollte, ob der Bürgermeister seine Heimatstadt kenne.


Quelle

Westfalenpost, Ausgabe vom 22.06.2003
Westfalenpost

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Henry Wolf

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